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„Ich habe gerade 50 Bautrockner in Berlin gekauft. Die müssen hierher, ich habe nur nicht das Geld…“ Mit diesem Satz von Gerd am Montagmorgen nach der Flut startete die Bautrockner-Initiative Weilerfeld. Sie kann ein Beispiel sein, wie Engagement auf vielfältigen Ebenen Gutes tut und wie unterschiedliche Stärken zu einem tollen Gesamtprojekt werden!

Eine verrückte Idee

Die Tage zuvor waren geprägt davon, Häuser auszupumpen, Möbel, nasses Zeug und Erinnerungen aus Kellern zu tragen und am Stadtrand zu riesigen Müllbergen aufzuhäufen. Wir stellten uns auf die nächsten Wochen mit sporadischem Strom und kaltem Wasser ein. 

 

Und dann steht der weitsichtige und etwas verrückte Nachbar auf der Straße und verkündet, dass er gerade 50 Bautrockner im 600km entfernten Berlin gekauft habe. Ohne zu wissen, wo die ca. 20.000 € (in bar) her- und nach Berlin kommen oder wie die Bautrockner zu uns transportiert werden sollten.

Selbst in Gummistiefeln und dreckigen Shorts war mir (ich bin ab und zu Gerds Sparringspartnerin zur Diskussion seiner vielen tollen Ideen) gleich klar, dass dieses „groß denken“ genau richtig ist. Es wäre ein falscher Weg, nur zwei Bautrockner für den Eigenbedarf zu kaufen. Innerhalb weniger Tage waren in ganz Europa keine Bautrockner mehr zu bekommen, Mietpreise vervierfachten sich.

Netzwerken & Organisieren ist alles!

Die 50 Bautrockner waren für uns reserviert, jetzt ging es darum, diese so schnell wie möglich auch zu bekommen und zu nutzen. Der Gedanke, die Bautrockner über die Kommune zu kaufen, konnte nicht kurzfristig umgesetzt werden, darum musste es also privat passieren.

Innerhalb weniger Stunden gab es die Zusage von Hermann aus der Nachbarstraße, dass er das Geld vorschießen könne. Also stürzten wir uns in die praktischen Aufgaben: Wie bekommt man 20.000 € in bar nach Berlin, wie gehen wir sicher, dass alles gut läuft und wie können die Bautrockner hergebracht werden?

Letztlich machten Hermann und David schon am nächsten Tag zuerst eine zweistündige Tour durch das Hochwasserchaos, um bei der einzigen geöffneten Filiale seiner Bank Bargeld aufzutreiben. Anschließend fuhren sie nach Berlin, um Mittwoch Morgen dort die – jetzt sogar 60 – Bautrockner in Empfang zu nehmen.

Parallel organisierte Michael über seine Teamleiterin Madeleine bei der Deutschen Post DHL einen kostenlosen Transport und wir konnten mit der Spedition die Details abstimmen. Wie ist es trotz Ruhezeiten etc. möglich, die Bautrockner schnell zu liefern – inkl. Übernachtung des supernetten Fahrers in unserem Gästezimmer. 

 

Lernen von der Bautrockner-Initiative

  1. Ein gutes Konzept muss nicht kompliziert sein & Hilfe kann viele verschiedene Formen haben
  2. Baut gute Strukturen und Prozesse auf, um nicht im Chaos zu versinken
  3. Die Kommunikation im Team ist das Entscheidende, damit alle an einem Strang ziehen und Arbeit nicht mehrfach gemacht wird
  4. Netzwerken und um Hilfe bitten ist keine Schwäche, sondern stärkt das Projekt
  5. Play to you strengths: Alle bringen das ein, was sie gut können: Einer hat eine gute Idee, eine andere entwickelt das Konzept, manche können gut koordinieren und kommunizieren und manche übernehmen lieber einfache „Hilfsarbeiten“ – alles ist wertvoll und wird gebraucht!

Ein einfaches & gutes Konzept

Unser Team von Engagierten wuchs, die eigenen Keller und Häuser mussten warten, zunächst ging es darum, das Projekt gut aufzusetzen. Schnell war uns klar, dass wir uns nicht als Händler betätigen wollten, um die Bautrockner weiterzuverkaufen.

Unser Anspruch war, nicht nur für uns ein paar Bautrockner zu organisieren, sondern möglichst vielen Menschen zu helfen. Vielleicht auch denen, die in der Situation überfordert waren und sich schwer taten, sich selbst zu organisieren.

Für viele Betroffene der Flut war gar nicht unbedingt das (fehlende) Geld das Problem, sondern es herrschte eine große Hilflosigkeit, was ganz praktisch zu tun sei und wo Unterstützung herkommen kann.

 

Unser Konzept war einfach und effektiv:  

  • Die Bautrockner werden verliehen und nicht verkauft. Wenn eine professionelle Trocknungsfirma übernimmt oder die Trocknung ausreicht, werden sie an die nächsten Haushalte auf der Warteliste weitergegeben.
  • Das Ausleihen der Bautrockner kostet pauschal für ca. 6 Wochen 350 €. Das ist ein normaler und fairer Mietpreis, der auch von Unversicherten gezahlt werden konnte. Für die meisten stand im Vordergrund, überhaupt schnell und unkompliziert Hilfe zu bekommen.
  • Aus den Einnahmen wird zunächst das verauslagte Geld zurück gezahlt, alle Überschüsse werden gespendet.

Der Teufel & die Details

Nachdem wir innerhalb von zwei Tagen die Eckpunkte festgelegt und den Transport organisiert hatten, kamen über die nächsten Wochen die kleinen und großen Herausforderungen:

  • Wie verwaltet man 60 Bautrockner, vor allem wenn viele verschiedene Menschen „mitspielen“?
    Im ersten Schritt haben wir die Bautrockner mit Nummern versehen und die wichtigsten Infos direkt auf die Geräte geklebt. Lea, Verena & ich als Kontakt-Managerinnen haben täglich die Excel-Listen mit Bautrockner-Nummern und Interessenten-Daten aktualisiert, Zahlungseingänge geprüft und, und, und…
  • Wie erfolgt die „Buchhaltung“?
    Da Hermann nicht nur Bautrockner-Investor, sondern auch Vereinsvorsitzender des örtlichen Fußballvereins ist, konnten wir das Konto nutzen und sogar Spendenquittungen ausstellen.
  • Wie hält man die Geräte am laufen?
    Bautrockner brauchen manchmal Streicheleinheiten: sie dürfen nicht liegend transportiert werden und fallen auch gern mal aus, Kühlflüssigkeit fehlt, Schalter sind kaputt….
    Hier hat uns David unterstützt, der viele Bautrockner ausgeliefert, aufgestellt, gestreichelt, ausgetauscht und repariert hat. Ein eigentlich nettes Angebot von anderer Seite, ein paar Bautrockner zu reparieren, führte dazu, dass mehrere Geräte so oft weitergegeben wurden, dass sie am Ende nie wieder auftauchten.
  • Was passiert, wenn „normale“ Bautrocknung nicht reicht?
    Schnell entwickelten wir uns zu Expert:innen, was die Bautrocknung angeht: Bei mir zu Hause halfen diese Trockner gar nicht, wir benötigten eine spezielle Estrich-Dämmschicht-Trocknung. Wir haben dann kurzerhand „unseren“ Profi Sven auch zu verschiedenen anderen geschleppt, damit er einschätzt was zu tun ist. Sekretariatsmäßig haben wir seine Rheinbacher Termine koordiniert und einigen Familien geholfen, Vertäfelungen, Tapeten & Co. zu entfernen.
  • Wie erfahren die Menschen von unserem Angebot?
    Darüber hatten wir uns auch Gedanken gemacht, was aber vollkommen überflüssig war. Noch bevor das erste Gerät in Rheinbach war, hatte es sich herumgesprochen, dass wir Bautrockner verleihen und ruck-zuck waren alle Geräte das erste Mal vergeben. Auch danach bekamen wir immer wieder Anfragen, weil es sich rumsprach. Wir haben nicht ein einziges Mal aktiv Kommunikation betrieben oder unser Angebot öffentlich gemacht.
    Insgesamt wurde der Großteil der Hilfe in den Hochwassergebieten über Facebook-Gruppen koordiniert, das wäre unsere erste Wahl gewesen, um noch mehr Menschen anzusprechen.

Viele Hände & Köpfe

  • Gerd hat den Stein ins Rollen gebracht, die Idee geliefert und sich dann schon wieder neuen Projekten zugewandt
  • Hermann hat durch das Vorschießen des Geldes das Projekt erst möglich gemacht und den Löwenanteil der Arbeit übernommen – von der abentuerlichen Reise nach Berlin bis zum Ausliefern und Aufstellen der Trockner und Koordination vieler Partner und Nutzer
  • Carola hat den Überblick behalten, die Fäden zusammengeführt und sich um Infoblätter und Prozesse gekümmert
  • Lea und vor allem Verena waren die Ansprechpartnerinnen für Betroffene, haben koordiniert und Listen geführt und Spendenquittungen erstellt
  • David hat sich um die Tecnik gekümmert, Geräte aufgestellt, getauscht, repariert
  • Oliver hat uns über Monate Lager und Transporter zur Verfügung gestellt für die Initiative
  • Michael, Madeleine und viele Kolleg:innen von Deutsche Post DHL haben in sagenhaftem Tempo den Transport koordiniert und sogar die Kosten übernommen
  • Jurek hat die Bautrockner schnell und sicher nach Rheinbach gebracht, auf-, ab- und umgeladen!
  • Sven hat professionell dort getrocknet, wo unsere Bautrockner nicht ausreichten und an vielen Stellen mit seinem Profi-Blick wertvolle Tipps gegeben
  • Tim & Matteo haben Bautrockner beklebt, beschriftet, mit ausgeliefert, Feuchtigkeit gemessen, abgeklebt und, und, und…
  • Jooris hat mit einigen Kumpels und der Brechstange geholfen, wenn Trocknung nicht ausreichte und erst einmal Vertäfelung & Co. entfernt werden mussten
  • Regina, Verena und Petra haben über Wochen das Team und die Nachbarschaft mit Brötchen, Kuchen, Abendessen & netten Gesprächen versorgt

Wir alle haben den Aufwand deutlich unterschätzt. Anschaffung und Transport der Geräte haben uns für wenige Tage intensiv beschäftigt. Der Verleih, die Hilfestellungen, die Koordination, die Abwicklung von Zahlungserinnerungen bis Spendenquittungen war viel Arbeit, die sich aber gelohnt hat!

10 Monate nach dem Hochwasser

Rheinbach ist weitgehend trocken.

Über viele Monate waren unsere 60 Bautrockner in insgesamt etwa 150 Haushalten eingesetzt und haben dort dazu beigetragen, Schäden zu beheben.

In den letzten Wochen haben wir einige Bautrockner verkauft, die Erlöse gehen ebenfalls in den Spendentopf.

Als Nebeneffekt unserer eigentlichen Hilfe haben wir ca. 10.000 € gesammelt, die wir gezielt dort zur Verfügung stellen, wo Hochwasserschäden nicht von Versicherungen und öffentlichen Geldern gedeckt sind.

Im benachbarten Ahrtal sind die Schäden um ein Vielfaches höher, viele Menschen haben ihr komplettes Haus, ihre Existenz-Grundlage verloren. Der HELFER SHUTTLE hat sehr schnell eine der größten Hilfsaktionen auf die Beine gestellt und koordinierte und koordiniert Tausende von Freiwilligen, die helfen wollen.

Dazu gehört auch Daniel aus Wuppertal, der beinahe jedes Wochenende ins Ahrtal kommt um dort Menschen zu unterstützen und ihnen bei der Bautrocknung zu helfen, die teilweise noch nicht einmal begonnen hat. Wir freuen uns sehr, dass wir unsere Bautrockner an Daniel und den Helfershuttle weitergeben konnten. So können diese noch mehr Betroffenen unbürokratisch helfen.

Bei uns in der Straße ist schon fast alles wieder normal, wir hoffen darauf, in diesem Sommer ähnlich oft draußen zusammen zu sitzen wir im vergangenen Juli und August.

Nur wenn es um neue Aktionen geht, werden wir vorsichtiger sein oder wie eine Mitstreiterin es ausdrückt: „Wenn Gerd wieder mal mit einer Idee kommt, laufe ich so schnell und so weit, wie ich kann….“