Das Deutsche Museum Bonn stellt sich dieser Herausforderung!
12 Fragen an Sophie Kratzsch-Lange, Deutsches Museum Bonn – September 2016

Wissenschaftliches Museum im Zeitalter von Internet und Co.! Kann ein Museum attraktiv sein, wenn alle Informationen überall und sofort abrufbar sind? Sophie Kratzsch-Lange, Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Deutschen Museum Bonn, berichtet, welche Möglichkeiten das Museum bietet und wie Kinder und Jugendliche dafür begeistert werden.

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Deutsches Museum – da denkt jeder an München. Wie kam es zum Standort Bonn und was unterscheidet Bonn und München?

Mitte der 1980er Jahre trat der Stifterverband der Deutschen Wissenschaft an das Deutsche Museum in München heran. In seinem Wissenschaftszentrum in Bonn gab es ungenutzte Räumlichkeiten, die ursprünglich mal als Fitness- und Schwimmbadbereich vorgesehen waren. Da das Wissenschaftszentrum sich im Mittelpunkt des so genannten Wissenschaftsviertels Bonns befindet (DAAD, DFG sind mit vielen anderen Wissenschaftsorganisationen unmittelbare Nachbarn; das BMBF befindet sich ebenfalls in der Nähe) hatte man die Idee, in diesen Räumlichkeiten, ein Schaufenster bundesdeutscher Wissenschafts- und Technikgeschichte zu präsentieren. Nach dem Bonn-Berlin-Beschluss entwickelte die Stadt Bonn ein Konzept für den Strukturwandel, in dem die Wissenschaft eine von fünf Säulen bildet, und stieg in die Planungen für das Museum und seine Finanzierung mit ein.

Am 3. November 1995 wurde das Deutsche Museum Bonn (DMB) eröffnet. Es zeigt seitdem rund 100 zeitgenössische Meisterwerke aus Naturwissenschaft und Technik. Exemplarisch stellen die Objekte, darunter auch viele nobelpreisgekrönte Forschungsergebnisse, wesentliche Zweige der naturwissenschaftlich-technischen Entwicklung der letzten fast sieben Jahrzehnte vor. Die Ausstellungsfläche in Bonn entspricht dabei ungefähr einer Abteilung des riesigen Deutschen Museums in München, das rund 35 Abteilungen umfasst. In den 20 Jahren seines Bestehens hat sich das Bonner Technikhaus zu »mehr als einem Museum…« entwickelt. Es ist zu einem facettenreichen Erlebnisort für jedes Alter geworden. Neben der Sammlung ist die anschauliche Vermittlung von naturwissenschaftlich-technischem Wissen zur Hauptaufgabe des Museums geworden. Dabei steht insbesondere die MINT-Bildung für Kinder und Jugendliche im Vordergrund.

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Welche Rolle spielt heute ein Wissenschaftsmuseum im Zeitalter von Internet und Co.?

Ich glaube, dass hier das Stichwort »Erlebnisort« zum Tragen kommt. Natürlich kann man heutzutage Wissen und Informationen jederzeit und an jedem Ort online einholen. Die digitalen Medien ersetzen jedoch nicht die unmittelbare Begegnung mit historischen Objekten. Die einmalige Aura dieser authentischen Zeugen der Wissenschafts- und Technikgeschichte kann das Museum wie kein anderer Ort der Welt lebendig werden lassen. Wir betten diese »Meisterwerke« in packende Geschichten ein und stellen neben den Objekten auch die Menschen vor, die sie erdacht und erschaffen haben. So schaffen wir Erlebnisse, die sich in den Köpfen festsetzen. Dazu kommt noch das soziale Ereignis des gemeinsamen Besuchs mit Freunden oder der Familie bei dem untereinander kommuniziert wird und man gemeinsam etwas erlebt und Neues erfährt. Die digitalen Medien ersetzen auch nicht den außerschulischen Lernort. Außerhalb ihrer normalen Schulumgebung nehmen Schüler und Schülerinnen neues Wissen auf eine andere und manchmal auch nachhaltigere Weise auf. Wir betonen immer wieder, dass man im Deutschen Museum Bonn Wissen im wahrsten Sinne des Wortes »be«-greifen kann. Es gibt Modelle zum Ausprobieren, einen Kinder- und Familienbereich mit Mitmach-Exponaten, die spielerisch Gesetzmäßigkeiten der Natur vermitteln, ExperimentierTische und ein sehr umfangreiches museumspädagogisches Angebot sowie eine Vielzahl von Veranstaltungen. Alles in allem ein lebendiger Ort, an dem kommuniziert, ausprobiert, angefasst, selber gemacht und entdeckt wird.

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Welche jungen Zielgruppen möchtet ihr gezielt ansprechen?

Sicherlich ist es unser Ziel, dass jede Schülerin und jeder Schüler in der Region Bonn-Rhein-Sieg und sogar ganz Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz einmal das Deutsche Museum Bonn im Rahmen eines Schulausfluges oder eines museumspädagogischen Angebotes besucht haben sollte. Ein weiterer Fokus liegt bei den Familien, die das Deutsche Museum Bonn als einen anschaulichen Einstieg in die Welt der Forscher und Tüftler entdecken und nutzen sollten.

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Sophie Kratzsch-Lange, geboren 1971, studierte Geschichte an der Universität Oxford. Seit 1993 arbeitet sie für das Deutsche Museum Bonn. Seit 1997 ist sie dort wissenschaftliche Mitarbeiterin. Sie hat bereits zahlreiche Projekte konzipiert und umgesetzt, wie zum Beispiel die große Nobel-Ausstellung und den Familienbereich »SchlauSpielhaus« sowie viele verschiedene weitere Aufgaben übernommen. Seit einiger Zeit ist sie hauptsächlich zuständig für die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit des Deutschen Museums Bonn sowie für viele Verwaltungsaufgaben.

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Welche Strategien und Konzepte verfolgst du dabei und wie setzt du sie um?

Das Schulmarketing wird sicherlich ganz besonders im Hinblick auf die Zukunftssicherung des Deutschen Museums Bonn eine besondere Stellung einnehmen. In erster Linie müssen wir die Angebote bieten, die den Unterricht sinnvoll ergänzen und den Wert des Museums als außerschulischen Lernort erkennen lassen. Um diese bekannt zu machen, gehören Fachtage für Lehrer und ganz besonders das intensive Bespielen aller Netzwerke sowie Kooperationen mit Schulen und schulischen Organisationen. In Bezug auf Familien setzen wir stark auf ein abwechslungsreiches Programm im Museum und interaktive Sonderausstellungen, die natürlich auch im klassischen Sinn über alle möglichen Medien kommuniziert werden müssen. Ein starker Medienpartner wie WDR5, der uns schon bei einigen Ausstellungen unterstützt hat, ist deutlich in der Besucherzahl und der Bekanntheit in ganz NRW und RP spürbar. Aber auch Verbünde wie die »Erlebnismuseen Rhein Ruhr« helfen gerade kleineren Häusern wie dem unseren, Ihr Programm und Angebot einem großen Publikum vorstellen zu können.

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Welche Marketingaktionen und welche Medien sind für euch die erfolgreichsten?

Das Deutsche Museum Bonn hat ein sehr kleines Budget für Marketing und Öffentlichkeitsarbeit und auch keine volle Stelle dafür. Nichtsdestotrotz versuchen wir in den Medien und in der Region präsent zu sein. Ohne auf konkrete Erhebungen zurückgreifen zu können, würde ich mal behaupten, dass unsere verschiedenen über Jahre aufgebauten Netzwerke den erfolgreichsten Anteil ausmachen. Wir haben einen relativ großen gepflegten Newsletter-Verteiler, mit dessen Hilfe wir unsere Veranstaltungen und Aktivitäten bewerben. Wir haben uns einen guten Draht zur lokalen Bonner Presse sowie der Presse im gesamten Rheinland aufgebaut. Über Artikel zum Deutschen Museum Bonn und Hinweise zu dessen Veranstaltungen erreichen wir viele potentielle Besucher. Hinzu kommen die großen jährlichen Veranstaltungen wie das Museumsmeilenfest oder das Abschlussfest zum Rheinischen Lesefest Käpt´n Book sowie zahlreiche weitere Präsentationen des DMB. Alles in allem versuchen wir ohne große Medien- und Marketingkampagnen »in aller Munde zu sein«. Seit der Gründung des Fördervereins »WISSENschaf(f)t SPASS« im letzten Jahr haben wir jedoch einen Partner an der Seite, der uns gerade im Marketing finanziell und personell unterstützt, so dass wir auch größer agieren können.

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Wie schafft ihr es, Kinder und Jugendliche wirklich zu involvieren?

Zu dieser Frage fällt mir als erstes ein, dass wir bei Vorstellungsgesprächen von potentiellen neuen Workshopleitern diesen immer sagen, dass die Arbeit im Museum mit Kindern und Jugendlich kein »einfacher« Job ist, den es nur abzuspulen gilt, sondern dass man Spaß und Freude an der Vermittlung von Wissen haben sollte und dies auch als seine Aufgabe empfindet. Begeisterung für ein Thema überträgt sich auch. Neugier weckt man am besten, in dem man Kinder und Jugendliche ausprobieren und fragen lässt. Die kritische Auseinandersetzung mit den eigenen Angeboten ist meiner Meinung nach ebenfalls unerlässlich. Die Angebote müssen zudem ständig weiterentwickelt und den Bedürfnissen der Zielgruppen angepasst werden.

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Eure ExperimentierKüche ist etwas ganz besonderes. Was kochen und backen die Kinder dort?

Die ExperimentierKüche ist das Schülerlabor für AlltagsChemie im Deutschen Museum Bonn. Statt trockener Theorie und Formeln erleben Kinder und Jugendliche von der 2. Klasse bis zur Oberstufe die spannende Seite der Chemie in einfachen und ungefährlichen Experimenten mit haushaltsüblichen Stoffen.  In den verschiedenen Workshops können Alltagsprodukte wie Gummibärchen oder Sportgetränke selbst hergestellt oder Shampoo und Farbstoffe analysiert werden. Jedes Jahr im Dezember wird die »Weihnachtsbäckerei« naturwissenschaftlich unter die Lupe genommen. Justus von Liebig stellte schon fest: »Alles ist Chemie« und das ist es, was wir Kindern und Jugendlichen in der ExperimentierKüche vermitteln möchten.

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Es gibt auch Unternehmenskooperationen. Kannst du ein Beispiel nennen, bei dem das Deutsche Museum Bonn ein geschätzter Partner ist und das Unternehmen auch Marketingziele verfolgt?

Seit einigen Jahren besteht eine Kooperation zwischen dem Deutschen Museum Bonn und der Siegwerk Druckfarben AG. Zum einen bieten wir an bestimmten Terminen Chemiekursen der Oberstufe den Workshop »FarbenZauber« mit anschließendem Besuch des Unternehmens an. In dem Workshop im Museum geht es um die chemischen Grundlagen und die Produktion von organischen Farbstoffen. Die Exkursion am Nachmittag ergänzt die Inhalte des Vormittags. Zum anderen bieten wir den Kindern der Siegwerk-Mitarbeiter an festen Terminen die kostenlose Teilnahme an Workshops in der ExperimentierKüche im Rahmen der »KüchenKids« an.

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Welche Rolle spielen für euch Lehrer, Erzieher und Eltern? Welche spezifischen Marketingaktionen gibt es für diese Gruppen?

In erster Linie sind diese Personengruppen die Entscheider über den Besuch im Museum oder der Buchung eines Workshops. Insofern ist es enorm wichtig, diese über das Angebot ausführlich zu informieren und zu beraten. Neben den üblichen Medien wie unser eigener Internetauftritt, Familien- und Veranstaltungsportale, der Presse oder Flyer bieten wir als Deutsches Museum Bonn eine Besonderheit an. Von Dienstag bis Freitag von 14 bis 17 Uhr ist unsere telefonische Beratung besetzt. Persönlich und kompetent helfen wir o.g. Personengruppen das passende Angebot zu finden. Dieser Service wird sehr gerne und häufig angenommen. Wir investieren viel Zeit dafür, erhalten aber immer wieder auch sehr positive Rückmeldungen darüber. Das Deutsche Museum Bonn präsentiert sich auch bei vielen Veranstaltungen mit Informationsständen. Gerade hier können wir sehr oft direkt in Kontakt treten, viele Gespräche führen und das Museum vorstellen.

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Welchen Tipp hast du für Marketingtreibende, die Kindern und Jugendlichen Wissen vermitteln wollen?

Ich denke, dass man bei der Vermittlung von Wissen erst einmal das Alter im Auge haben sollte. Bei jüngeren Kindern findet die Vermittlung in erster Linie spielerisch über das Anfassen, Ausprobieren und Selbermachen statt. Das Lösen von Rätseln oder auch Rallyes, die sich der Bildsprache und einfachen Textelementen bedienen, ist ein guter und vor allem abwechslungsreicher Weg, Wissen an Schulkinder zu vermitteln. Wir legen bei uns im Museum aber auch großen Wert auf den persönlichen Kontakt zu Kindern und Jugendlichen, sei es durch unsere Workshopleiter oder unsere Besucherbetreuer. Letztendlich profitieren aber auch Erwachsene davon, wie wir Kindern und Jugendlichen Wissen vermitteln. Wir stellen immer wieder fest, dass sich Erwachsene bei einem Museumsbesuch mit oder auch ohne Kinder ebenso gerne spielerisch und interaktiv mit Naturwissenschaft und Technik auseinandersetzen.

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Warum sind Kinder und Jugendliche für dich die schönste aller Zielgruppen?

Zwei Antworten fallen mir hier ein: Kinder und Jugendliche sind wohl die ehrlichste Zielgruppe. Man erhält relativ schnell und konkret ein Feedback, ob man sie erreicht hat oder eben auch nicht. In vielen Fällen, gerade im Hinblick auf Veranstaltungen und Workshops, äußern sie dies auch direkt und ungefiltert, sowohl totale Begeisterung als auch Langeweile. Man weiß also, woran man ist! In unserer museumspädagogischen Arbeit haben wir als Museum die Chance, die Lebenswege von Kindern und Jugendlichen unterschiedlichster Herkunft positiv zu beeinflussen. Durch Besuche des Museums oder der Teilnahme an Workshops oder dem Laborführerschein in der ExperimentierKüche sprang schon bei vielen Jugendlichen sprichwörtlich der Funke über: sie begannen ein Studium der Naturwissenschaften oder eine Ausbildung in einem chemienahen Beruf. Ein schöneres Ergebnis kann man sich in der Ansprache einer Zielgruppe kaum wünschen.

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Die Stadt Bonn hat die Zuschüsse für das Museum komplett gestrichen – wie geht es weiter mit dem Deutschen Museum Bonn?

Am 7. Mai 2015 schlug mit der Ratssitzung der Stadt Bonn wohl die schwärzeste Stunde der Geschichte des DMB. Der Rat hat dafür gestimmt die Zuschüsse für das DMB zum 31. Januar 2018 zu streichen. Seitdem ist sehr viel passiert: wir haben unglaublich viel Unterstützung von Besuchern und aus der Presse erfahren. Der sehr aktive Förderverein »WISSENschaf(f)t SPASS« hat sich gegründet und damit Unternehmen, Institutionen und Privatpersonen aus dem gesamten Rheinland im Kampf für den Erhalt hinter sich vereint. Es hat eine Vielzahl von Gesprächen mit politischen Entscheidungsträgern gegeben, sowohl auf städtischer Ebene, als auch in den umliegenden Kreisen, auf Landes- und Bundesebene. Ein erster Schritt wurde inzwischen getan: In ihren Haushalt 2018 hat die Stadt Bonn wieder 250.000 € für das DMB eingestellt, auch wenn das für die Grundfinanzierung noch nicht reicht. Insgesamt hat sich ein wirklich beeindruckender Unterstützerkreis gefunden, der nichts unversucht lässt, den Wert des Museums als zentralen Ort der MINT-Bildung in der Region heraus zu stellen und für ein neues Finanzierungsmodell zu kämpfen. Konkretes und Unterschriftsreifes gibt es (leider) noch nicht. Persönlich bin ich davon überzeugt, dass es für uns weitergeht, denn wir leisten mit einem kleinen Team wirklich gute Arbeit.  Ich bleibe in jedem Fall optimistisch, auch wenn uns tatsächlich bald die Zeit weg rennt…